Das Leben ist ein Gedicht - Lyrik in "Worldangels"

Hallo Worldangels!

Hiermit möchte ich eigene Gedichte posten und Euch aufrufen, mit Euren Gedichten oder Gedanken zu antworten. Bitte verschont mich aber mit schwülstigem Eso-Kitsch, den finde ich leider zuhauf im Netz!

Bin schon gespannt!

herzliche Grüße und Wünsche im neuen Jahr von
Silberwolf

P.S. Ein Einsteigergedicht zum Thema des Neuen mit gleichzeitigem Rückblick ins Alte...

Zweite Geburt

Kreise wollen sich beenden.
Und dann stehn sie auf dem Punkt.
Wo sie sich ins Neue wenden,
neu ins Schicksal eingetunkt.

Mütter sterben. Väter gehen.
Doch die tiefe Frage bleibt:
haben sie dich einst gesehen,
als sie war´n noch eingeleibt?

Jetzt siehst du sie, rückwärtsblickend,
nicht mehr durch des Haderns Brille,
ja, es ist zutiefst beglückend,
daß du spürst: es war ein Wille

innig eingeschrieben deinem –
deinem Großsein, Sprengenwollen,
doch auch zart gefügtem Kleinem,
grade dieser werden sollen!

(M.Trosbach, August 2011)

Kommentare

Xyz Zyx , 07.01.12 18:01

Hallo lieber Martin und liebe Susanne, finde ich ne tolle Idee, diesen Blog mit Gedichten.
Hier mein erster Beitrag:

Nichts und Niemand gingen einst spazieren.
„Wer bist Du?“ fragte Nichts da den andern.
„Niemand und Du?“ sagte Niemand beim Wandern.
Stille.
Nichts hatte aufgehört zu existieren.
Doch Niemand war da.
Niemand konnte sich an Nichts erinnern.
Alle jemand waren ja,
sagten: Du bist voll am spinnern.
Da ging Niemand auf Reisen,
es galt einfach, Nichts zu beweisen.

Herzliche Grüße von Torus
PS: Ist das schwülstiger Eso-Kitsch oder was meintest Du?

Martin und Susanne Trosbach , 07.01.12 20:01

Hallo Torus!

Danke für Dein nichtiges-richtiges-wichtiges lyrisches Melodram.
Nö, klingt wenig schwülstig.

Rilke hat auch diese Angst vor dem Niemand in der Beziehung oft umkreist und
zu umdichten versucht und doch hat er die Sehnsucht nach dem Per-Sonalen
(dem "Durch-Tönenden") nie aufgegeben...

Einmal nahm ich

Einmal nahm ich zwischen meine Hände
dein Gesicht. Der Mond fiel darauf ein.
Unbegreiflichster der Gegenstände
unter überfließendem Gewein.

Wie ein williges, das still besteht,
beinah war es wie ein Ding zu halten.
Und doch war kein Wesen in der kalten
Nacht, das mir unendlicher entgeht.

O da strömen wir zu diesen Stellen,
drängen in die kleine Oberfläche
alle Wellen unsres Herzens,
Lust und Schwäche,
und wem halten wir sie schließlich hin?

Ach dem Fremden, der uns mißverstanden,
ach dem andern, den wir niemals fanden,
denen Knechten, die uns banden,
Frühlingswinden, die damit entschwanden,
und der Stille, der Verliererin.

Aus den Gedichten an die Nacht (Nachlass)

beste Grüße von

Martin

Xyz Zyx , 08.01.12 16:01

Hallo Martin, bei Rilke fällt mir immer ein - frei aus meiner Erinnerung:

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe trüb geworden,
sodass ihn nichts mehr hält.
Ihm ist´s, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Dazu sehe ich immer den schwarzen Panther, vor dessen Käfig sitzend, Robin Williams dieses Gedicht liest (in dem Film mit den erwachenden Autisten) .... Bestimmt hast Du das Gedicht irgendwo in Deiner Sammlung und magst es hier noch einmal posten. Darüber würde ich mich freuen.
Meine kleinen Schüttelverse sind ja eigentlich keine Lyrik, oder was ist das eigentlich? Ich bin auch in dieser Beziehung, wie in Vielem ein Banause. Auf jeden Fall stehen die herzergreifenden und seelenentführenden Verse Rilkes doch auf einem ganz anderen Niveau.
Also hier noch eine kleine Kostprobe aus meiner Feder:

Statt mit Rat dich zu schlagen,
werf ich Reime jetzt nach dir.
Vorbei die Zeit in alten Tagen,
als ich immer blieb bei mir.
Nun geht mir das Herze über
Flutet einfach das Gehirn,
meint es wirklich, ich wär klüger?
Oder martert´s nur die Birn?

Herzliche Grüße von Torus

Martin und Susanne Trosbach , 08.01.12 17:01

Hallo Torus!

Der Panther

Im Jardin des Plantes, Paris

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille -
und hört im Herzen auf zu sein.

Rainer Maria Rilke, 6.11.1902, Paris

Du hast geschrieben:

" Meine kleinen Schüttelverse sind ja eigentlich keine Lyrik, oder was ist das eigentlich? Ich bin auch in dieser Beziehung, wie in Vielem ein Banause. "

Das find ich nicht. Lies Kästner oder den späteren Morgenstern z.B. der Galgenlieder, das klingt auch nach kleinen, spielerischen, locker aus dem Ärmel geschüttelten Reimen und doch ist es große Kunst, in seinen Andeutungen, Ironien und Brüchigkeiten.

" Statt mit Rat dich zu schlagen,
werf ich Reime jetzt nach dir."

... und das find ich einfach wunderbar gedichtet... ein Reim-Netz auswerfen, anstatt mit Rat zu schlagen
oder gar zu erschlagen... ist doch absolut gelungen!

Morgenstern schreibt z.B. auch Gebete, bei denen man sich schütteln kann:

Das Gebet

Die Rehlein beten zur Nacht,
hab acht!

Halb neun!

Halb zehn!

Halb elf!

Halb zwölf!

Zwölf!

Die Rehlein beten zur Nacht,
hab acht!
Sie falten die kleinen Zehlein,
die Rehlein.

...und zuguterletzt noch ein mysteriöses Werk von mir:

Geheimnis

Der Schildkröte

staunend Blick zur spiegelnden Welt

verheißt:

- - -

was dreht und dreht und

dreht und steht

so still und nimmer

still?

Der Schwalbenjungen

gierig gluckerndes Gezeter

läßt uns lächelnd

weiterleben...

herzliche Grüße von

Martin

Xyz Zyx , 09.01.12 21:01

Herrlich! Vielen Dank lieber Martin. Was wäre die Welt ohne Gedichte?
Den Panther habe ich mir gleich mal kopiert, ich möchte das ganze Gedicht auswendig kennen. Gedichte auswendig lernen, hat mir schon in der Schule Spass gemacht. Meine einzige 1 in Deutsch bekam ich nach der fehlerfreien und theatralischen Rezitation von: Zu Dionysos, dem Tyrannen, schlich Samos, den Dolch im Gewande......kennt aus meiner Generation wohl jeder, doch leider blieb es auch dabei, Lyrik war irgendwie kein Thema...
Deine Gedichte gefallen mir, besonders das letzte ... Lies mich wirklich lächelnd weiter leben....Doch auch das erste ... mir scheint es eine Versöhnung mit den eigenen Wurzeln ... Nur die letzte Zeile habe ich nicht verstanden. Ich lese es immer wieder und komme nicht dahinter: was "grade dieser werden sollen"? Meintest Du den Willen oder Dich selbst oder was?
Also hier noch eine kleine Prosa, so nennt man doch etwas, was sich nicht reimt...:

Das harte Herz hat es wirklich schwer mit dem weichen, flüchtigen Hirn.
Obwohl es selbst lieber wie ein Stein in die Hose rutscht, als sich erweichen zu lassen,
kann es gar nicht leiden, kein Hirn mehr über sich zu haben.

So kullert Herz hin und her
In der Hirnwellen Brandung.
Bis es ganz zermalmt und leer
liegt am der grauen Masse Strande.

Martin und Susanne Trosbach , 10.01.12 09:01

Hallo Torus!

Du schriebst über das erste Gedicht:

... mir scheint es eine Versöhnung mit den eigenen Wurzeln ... Nur die letzte Zeile habe ich nicht verstanden. Ich lese es immer wieder und komme nicht dahinter: was "grade dieser werden sollen"? Meintest Du den Willen oder Dich selbst oder was?

...ich meinte: grade DIESER werden sollen, der ich in WAHRHEIT bin und nicht in der Fiktion
anderer. Also meinte ich tatsächlich mich selbst in meinem eigentlichen Sein.

Das harte Herz hat es wirklich schwer mit dem weichen, flüchtigen Hirn.
Obwohl es selbst lieber wie ein Stein in die Hose rutscht, als sich erweichen zu lassen,
kann es gar nicht leiden, kein Hirn mehr über sich zu haben.

So kullert Herz hin und her
In der Hirnwellen Brandung.
Bis es ganz zermalmt und leer
liegt am der grauen Masse Strande.

Eine Replik:

...hartes Herz, wirst du weich,
ob mit oder ohne Hirnwellen über dir,
wirst du - glaubst du endlich dir -
wieder ganz, wahrlich reich!

beste Grüße von

M.

Xyz Zyx , 11.01.12 13:01

Hallo Martin, Du inspirierst mich und schon hat Es eine Antwort rausgeschüttelt:

„Wer Bin ich nur,
vor allem: Wo?“
Sprach Herz in bangem Fragen.

Doch Hirn blieb stur:
„Es ist halt so.“
Wollt´s mir einfach nicht sagen.

Doch wisse: Ich Bin, Herz.
Und ich bin froh
und im Zentrum - ganz ohne Scherz.

Beste Grüße von Torus

Martin und Susanne Trosbach , 16.01.12 20:01

Hallo Torus!

Meintest Du wirklich "ganz ohne Scherz"? Oder "ganz ohne Schmerz"?

Über die Sehnsucht ins Zentrum des Herzens zu kommen, zum Grund zu gelangen, hab ich vor zwei
Jahren mal dieses Gedicht geschrieben:

Im Grunde

Ich sehn mich nach einem runden Stein
um den ich kreiste in Stille,
ich wär eine Eule, ein Faun, ein Schwein,
trüg Pans gefiederte Brille

Ich blickte durch Augen aus Schuppen und Fell,
träumt´ in der Flederfrau Arm,
um Mitternacht würd meine Seele hell,
mein Leib so unsäglich warm

Dann schrie ich unendlich zart und verwegen,
ließ den Schrei frei wie einen bunten Ballon,
der segeln würd nach großem Segen...

und flög er sich überstürzend davon,
durch Feuer und Sturm und Regen,
dann bettete ich mich in Gaias Thron

(der ich längst an ihren Brüsten gelegen)

herzliche Grüße M.

Xyz Zyx , 17.01.12 11:01

Lieber Martin,
Du bist ein echter Lyriker, der einen in unbekannte Wunderwelten entführt.
Meine Reime sind dann doch eher die Ratschläger.
Mein letztes Gedicht hab ich aufgrund Deiner Frage nochmal überarbeitet:

„Wer Bin ich nur,
vor allem: Wo?“
Sprach Herz in bangem Fragen.

Doch Hirn blieb stur:
„Es ist halt so.“
Mehr wollte es nicht sagen.

Da sprach Es: „Wisse: ICH BIN, Herz,
im Zentrum und froh,
ganz ohne Scherz.

in diesem Sinne
Torus

Martin und Susanne Trosbach , 18.01.12 08:01

Hallo Susanne!

Danke für Deine schöne, intensive ROTE FRAU!
Weil Du darin von Träumen sprichst, fällt mir ein vor sehr langer
Zeit geschriebenes Gedicht ein, indem ich einen
erschütternden Traum beschrieben habe:

Drei Frauen (ein Traum)

Drei Frauen stehen am Rand der Runde
umgeben von gläserner Kuppel Rotunde
und scheinen mit wissendem Blick zu sehen
doch können von ihrem Platz nicht gehen
ich kenne sie nicht und kenne sie doch
ich steh in düstrer Mitte Loch
an meiner Hand ein kleines Kind
mein Herz scheint blutend fragend blind

Drei Frauen will ich mir erschauen
sie wissen was sie wissen müssen
doch irgendwo spielt fernes Grauen
in sinnlos destruktiven Schüssen -
das Kind ist mir bekannt ist weise
es spricht so liebevoll doch leise
die Frauen weben zarte Bänder
um unserer Gedanken Ränder

Drei Frauen scheinen zu entblößen
der Liebe Grund, es will sich lösen
des Kindes Mund und es will künden
von alten Schauern, Klagen, Sünden -
da seh am Dache ich zwei Augen
die tödlich schweigend in sich saugen
mein liebequälend wildes Sehnen
ich seh das Kind sich an mich lehnen

Von eines Schusses Wucht getroffen
verblutet es - mit ihm mein Hoffen
ich schreie stumm, will zu den Frauen
mich flüchten, doch die Bilder tauen
und ich erwach aus den Gesichten
will nicht auf Lebensmut verzichten
der hinter allem Todesgrauen
mich ließ in seine Tiefen schauen

herzliche Grüße, auch von Susanne

Martin

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