Von der Liebe zu den Vögeln

Ich sitze an meinem kleinen Sekretär am Balkonfenster und will eigentlich an meinem Buch arbeiten, aber ich betrachte die Blaumeisen Familie in der „Bonsai-Birke“ im Kübel vor dem Fenster. Sie sind so zart und zierlich, wie sie die Sonnenblumen Kerne aufmeißeln, an den Bällchen picken. Genauso hatte ich es mir vorgestellt, als ich diesen Futterplatz für die Kleinsten meiner gefiederten Garten Bewohner anlegte. Das war nicht möglich, als mein Kater noch lebte. Er nutzte das Fenster zum Ein- und Ausstieg für seine Ausflüge und das Fensterbrett als gemütlichen Aussichtsturm. Ich hütete mich davor, Vögel anzulocken.
Als Louis im Alter von beinahe 20 Jahren starb, wollte ich keine Katze mehr. Jetzt genieße ich das muntere Treiben vor meinem Fenster. Der Sommerregen fällt weich und senkrecht und es weht kaum eine Brise. Glück und Stille, Zwitschern und Regen.

Es gab eine Zeit, in der ich Vögel nicht großartig beachtet habe. Ich erinnerte mich an ihren Gesang in lauen Sommernächten und hatte ab und zu einen Kollateralschaden durch meine Katzen. Alles änderte sich im Sommer 2003. Ich hatte mir zum Geburtstag eine Vision-Suche in den italienischen Alpen geschenkt. Am Tag unserer Anreise konnten wir die Zelte noch nicht aufbauen, weil die Seilbahn streikte. Also schliefen wir in Schlafsäcken auf der Wiese.

Am nächsten Abend waren die Zelte da und wir begannen mit dem Aufbau. Plötzlich entdeckte ich einen fedrigen Ball neben meinem Zelt. Ich hob ihn auf und sah, dass es ein kleiner Vogel war, offensichtlich aus den Nest geplumpst. Der Alm Bauer identifizierte ihn als jungen Buchfink, riet mir aber, ihn an einen Baum zu setzten und „der Natur ihren Lauf zu lassen“, im Klartext: ein Marder oder eine Schlange wird ihn fressen. Das konnte ich aber nicht über mich bringen. Es fand sich Hirsebrei, in den ich ein paar Fliegen hinein rührte und den Vogel zu füttern begann.

Bereits am dritten Tag saß der Kleine auf meiner Schulter oder Kopf, wo immer ich hinging und die Männer der Gruppe belächelten mich, bis auf Shanti, den Leiter der Vision-Suche. Ich nannte den Kleinen „Birdie“ und er hüpfte fröhlich auf dem Frühstückstisch unserer Waldkantine herum, wobei er keine Scheu vor den anderen Teilnehmern hatte. Ich nahm ihn auch mit zu meinem Platz, als es Zeit war für das dreitägige Fasten, allein auf dem Berg. Für Birdie gab es selbstverständlich Hirsebrei mit kleingehacktem Ei und Insekten, für mich nur Quellwasser.

Er gedieh prächtig. Die Flaumfedern waren einem schönen Federkleid gewichen und ich begann ihm zu zeigen, wie er kleine Insekten von Gräsern picken konnte. Außerdem ermutigte ich ihn zu fliegen, indem ich ihn auf einem Bäumchen absetzte und zu mir lockte. Es ist faszinierend, wie schnell ein kleiner Vogel lernt. In der letzten Nacht flog er auf einen höheren Baum, um dort zu schlafen und kehrte am Morgen zu mir zurück. Als wir gemeinsam wieder im Lager eintrafen, staunten alle. Niemand hätte das für möglich gehalten. In den vier Tagen Nachbereitung wurde er immer selbstständiger und konnte schließlich allein überleben.

Die Beziehung mit Birdie veränderte meine Sicht auf die Vögel, die ich heute als eine große Bereicherung meines Lebens betrachte. In meinem Garten hängen überall Futterhäuschen und wenn die Meisen, Spatzen, Stare und Grünfinken ihre Jungen zu den Futterplätzen bringen, bin ich im puren Entzücken.

Von der Liebe zu den Vögeln

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